Die Finsternis des Schweigens — das Leben im Ausdruck

Als kurzer Gedanke, aus einem klaren Augenblick heraus entstanden, fiel mein Blick schnell auf das Menschsein an sich. Und vielleicht ließe sich dies sogar auf alle Dinge der Existenz ausweiten, dachte ich:
Im Schweigen — dem Verbergen von Ängsten, Empfindungen, Gedanken und Ideen u.a., liegt Finsternis. Im Ausdruck — dem offenen Wort, dem Mitteilen des inneren Selbst, dagegen Leben. So als fiele ein stiller Lichtschein auf einen dunklen, verborgenen Ort und lässt ihn durch Erkenntnis und Klarheit erleuchten. In einem Gleichnis heisst es:

Im Scheine des Feuers, begegnen sich Dunkelheit und Licht. Und läutern die Seele, weil es das Schweigen bricht. Und öffnet die Herzen, weil es geborgen macht, befreiet den Geiste, weil es Gedanken entfacht — in stillen Schatten, im Scheine des Feuers, in der Nacht…- Im Schein des Feuers (Gleichnis) / Anfangs‐ & Schlussverse



Ob aus Furcht vor den Konsequenzen oder Angst vor der, oft bitteren, Wahrheit — ob aus trägem Herzen oder Geiste — ob aus Niedertracht oder Lüge, die Wahrheit zu verbergen — auf die eine oder andere Art — nähren das Schweigen und die Finsternis umso mehr.
Im Ausdruck öffnen sich die Tore eines lange geschlossenen Damms, in dessen Reservoir das Wasser bereits zu faulen begonnen hat, von Ketten befreiend, schwere Lasten von den Schultern nehmend und oft auch Raum für neue Entdeckungen und Lebensaspekte schaffend. Manchmal auch zerstörend oder etwas zu Ende bringend! Aber wenn eine Sache wirklich nach Ausdruck sucht, so ist sie auch dafür bestimmt, diesen zu finden — gleich der Konsequenzen.
Das Leben im Ausdruck hängt jedoch auch von dem Gegenüber ab. Sein Herz zu öffnen, während man im Gegenzug auf finsteres Schweigen trifft, welches einem wie Eiseskälte entgegen weht, treibt einen doch in die Dunkelheit zurück oder verhindert es gleich von vornherein ihr entweichen zu können.

Es ist also kompliziert…

Ungeachtet dem was kommen mag, wenn das Schweigen einem auf der Seele lastet und in der Finsternis, voller Verzweiflung und Verbitterung, verweilen lässt, so scheint es besser, das Leben zu suchen und den Ausdruck.

Ist es nicht besser Gewissheit zu haben, als Träumen nachzujagen und durch die Klarheit, Raum für Neues zu schaffen?

Was ist aber mit der Aussprache einer Ungerechtigkeit, dem Kampf gegen Mühlen, die unüberwindbar scheinen. Wenn das Wort zu erheben, den Tod bedeutet?! Es mag bitter sein und aus der Sicherheit der Welt in der wir leben, leicht gesagt. Aber jeder Protest, erschafft auch Leben, durch einen Funken der Hoffnung, in den Zuhörern entfacht, vom Märtyrer inspiriert, diesem Pfad zu folgen.

Manchmal muss der Blick also auch über das eigene Dasein hinausgehen, möglich für manche Menschen, aber nicht für jeden. Für mich selbst liegt tiefe Finsternis im Schweigen, im Ausdruck aber lichtdurchflutetes Leben. In allen Aspekten der Existenz…

Das Jahr neigt sich dem Ende, das Licht der Weihnacht ist beinahe erloschen, aber nimmer vergessen. Als Mensch und als Künstler, liegen noch viele Dinge vor mir, die nach Ausdruck suchen — manche Dinge sind leichter zu verwirklichen als andere. Aber das Ringen um Ausdruck, bringt Leben und lässt die Finsternis hinter mir.

Und ich hoffe, dies gilt für sie ebenso, liebe Leser/innen.

Lassen wir das Schweigen hinter uns, im alten, nun schließenden Jahr und suchen den Ausdruck und das Leben im Lichte, im kommenden, neuen Jahr.

Uns allen, einen friedlichen, seligen Jahreswechsel…

RR, 28.12.2014


[1] Im Schein des Feuers (Gleichnis‐Spiel: Libretto & Musik von R. Rehahn — Schlussgesang aus einer Aufführung in Tokio 2006: Kristina Takashina & R. Rehahn)