Die Perfektion als Versteck

Wenn man sich einer bestimmten Sache widmet, sei es ein Kunst- oder im Grunde jegliches andere Projekt, trachtet man natürlicherweise danach, es so gut und perfekt wie möglich fertig zu stellen.
Und darum feilt man daran, bis man glaubt diesen Zustand erreicht zu haben, obwohl man diesen Punkt auch leicht überschreiten kann.
Perfektion ist ein ehrenwertes und für jegliche Form von Arbeit essentielles Ziel! Wie könnte man nicht all sein Herzblut in etwas stecken, das einem bedeutsam ist? Wie könnte man nicht, sein absolut Bestes versuchen und dem Ideal von Perfektion, so nahe wie nur irgend möglich zu kommen?
Und doch kann Perfektion auch zu einer Art Versteck werden, bei dem der Wunsch, es so vollkommen wie möglich zu vollenden, dazu führen kann, die Arbeit niemals zum Abschluss zu bringen, weil man immer wieder etwas findet, was nicht ideal, perfekt oder der eigentlichen Intention nahe ist – zumindest glaubt man das zutiefst. Wobei man leider oft recht hat, manchmal jedoch einem Trugschluss unterliegt.
Es hängt natürlich immer vom Projekt oder der Arbeit ab, hat man einen Abgabetermin oder ist etwas für einen Klienten oder sich selbst – ist man in der Lage auch im Nachhinein noch zu verändern oder ist mit dem Abschluss, definitiv der finale Punkt erreicht und nichts geht mehr.
Die digitale Welt hat diese Grenze ein wenig verwischt, weil man bei allen digitalen Werken, immer wieder nachbessern kann. Aber bei physischen Dingen, wie Büchern, Bildern, Skulpturen oder Gegenständen jeglicher Art usw. oder zu erlebenden Dingen, wie Aufführungen, Konzerten etc. bleibt ein Fehler bestehen.,
Auch wenn hier, d.h. bei allem physisch Werdenden, ebenfalls eine neue, die Dinge leichter machende, Ebene hinzugekommen ist, dadurch dass vieles nicht mehr nur mechanisch hergestellt wird.
Ein Buch kann beispielsweise nachkorrigiert werden, auch nach der Veröffentlichung, aber das ist natürlich nicht bei jedem Werk möglich.
Das Trachten nach Perfektion ist wichtig, weil es mit Sorgfalt, Liebe und Ernsthaftigkeit zu tun hat, denn der Empfänger spürt ob und wie viel Arbeit und Fürsorge in eine Sache eingeflossen ist. Jedes Detail muss stimmen, auch dort, wo man nicht hinsieht.
Im Noh-Theater gibt es einen Auftrittssteg der hinter der Bühne seinen Anfang nimmt, also außerhalb des, für das Publikum sichtbaren, Bereiches.
In Büchern bzw. Bildern gibt es eine tiefe Ebene, die der Leser vom Auge her gar nicht mehr wahrnehmen kann.
In technischen oder mechanischen Produkten gibt es Raum hinter einer Fassade, ebenfalls nicht mehr sichtbar bzw. nur dann, wenn man es, was im seltensten Falle geschieht, öffnet.
In Geschichten, Kompositionen, Aufführungen, Filmen etc. gibt es eine klare Ebene, die leicht wahrgenommen und verstanden werden kann und dann viele tiefere, die erst beim 2. oder 3. Blick oder Zuhören deutlich werden.
All dies bedeutet Sorgfalt und am Ende Perfektion.
Aber Perfektion ist trotz allem zuvor gesagtem auch ein Trugschluss, denn als Menschen können wir niemals 100% perfekt sein.
Und dazu gibt es viele Elemente, die im Augenblick des Schaffens nicht ganz ideal und damit auch nicht perfekt sein können. Ob es nun Situationen, finanzielle Mittel, die eigenen Fähigkeiten und so weiter sind.
Irgendwann kommt der Zeitpunkt, da man sich fragen muss, will ich weiter feilen und niemals zum Ende kommen (was je nach Fall durchaus in Ordnung zu sein scheint) oder möchte man tatsächlich etwas in die Welt entlassen, trotz der natürlichen Empfindung, noch nicht das Ideal erreicht zu haben. Dies könnte aber auch Angst sein, die tiefe Furcht vor der Ablehnung oder der nun folgenden oder nicht folgenden Rezeption.
Dies ist ein Dilemma für jeden Schaffenden.
Man kann es einmal durch Vereinfachung lösen, denn je komplexer etwas ist, umso schwieriger ist es auch zum Ende zu kommen. Und dann muss man sich einfach immer wieder fragen, ob das Geschaffene in der Welt bestehen oder lieber im geheimen Kämmerlein existieren soll.
Das Wichtigste ist es doch etwas zu schaffen, eine Sache zur Vollendung zu bringen – einer Empfindung, die einem göttlichen Akt der Schöpfung gleich kommt und wie schon häufig formuliert, ein äußerst zufrieden stellendes Gefühl sein kann.
Die Perfektion oder zumindest das Trachten danach, d.h. der Versuch alles mögliche zu geben, ist ein wunderbares Ideal, aber es darf niemals zum Versteck werden.
Die Bewegung nach vorn, das Loslassen von der Schöpfung, sind ebenso bedeutsam, wie sich sorgfältig in den Aufgaben zur Vollendung zu vertiefen, sich ernsthaft dem Weg bis dahin zu widmen und einem Akt der Befreiung gleichkommend.
Wir sind Menschen – Schöpfung und Erscheinung, scheinen mir überlebensnotwendig.
Denn wir leben ja nicht nur von Ideen und Träumen, sondern wollen diese in der Wirklichkeit, in all ihrer Lebendigkeit und Schönheit betrachten und erleben können.