Wiedergefundene Blüte

Es war inmitten der Regenzeit, kurz vor den Tagen des Sommers, als er sich plötzlich an die Zeit der Kirschblüte in diesem Jahr erinnerte…
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Die Gedanken darum erschienen ihm wohl ein wenig spät, da der Frühling bereits lange vergangen schien. Andererseits war ihm jede Erinnerung an blühende, farbige Tage, in dieser tristen, grauen Regenzeit, willkommen. Und nun, da sich endlich der graue Vorhang der Regenzeit lichtete und die feuchte, schwere Wärme des Sommers über das Land legte, wollte er sich womöglich selbst, noch ein letztes Mal an ein Gefühl erinnern, das ihn in diesem Jahr zum Zeitpunkt der Kirschblüte berührte, ja, mehr noch, beinahe ganz in seinen Bann und in eine emotionale Tiefe gezogen hatte. All diese Gedanken erschienen ihm dann doch, mehr als unbedeutend und nichtig, in gewisser Hinsicht, es weder wert gedacht noch zu Papier gebracht zu werden. Wie auch immer, so empfand er nun einmal und warum sollte er dies einfach Beiseite schieben – einfach, weil es wichtigere, essentiellere Dinge im Leben gab?

In diesem Jahr hatte er die alljährlich wiederkehrende Kirschblüte, auf eine seltsame, wie eine gute Bekannte in einem Gespräch jedoch anmerkte, japanische Weise, erlebt.

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Es begann mit dem Besuch eines guten Freundes, der in Tokio, am Fuße des Honmonji, einem alten buddhistischen Tempel, lebte. Auf einem Hügel gelegen, umgeben von einem Park und einem großen Areal an Gräbern und anderen Anlagen, atmete der Tempel tiefe Würde und Geschichte – ein Zentrum der Einkehr und des Glaubens. Beeindruckt und beseelt von der Größe und Erhabenheit des Ortes, den buddhistischen Gesängen eines Mönches in eine meditative Stimmung versetzt, blickte er noch einmal zurück, hielt diesen Augenblick bewusst in sich fest und nahm dann die lange Treppe hinunter zum Haupteingang. Schon von oben, entdeckte er unverhofft und angenehm überrascht, eine frühblühende Kirschbaumart, die in wunderbaren Farben leuchtete und aus der Nähe sogar noch herrlicher zu betrachten war. Von ihrer sinnlichen Schönheit verzückt, wurde in ihm die alljährliche Vorfreude darauf, die Kirschblüte in all ihren verschiedenen Formen und Farben, an altbekannten, wie neuen Orten aufzusuchen, eigentlich auf besondere Weise entfacht.

Aber dass er am Ende an keinem Hanami, der alljährlich stattfindenden Blütenschau mit Familie & Freunden, teilnahm bzw. die Kirschblüte seltener und später als gewöhnlich erlebte, lag an einer, in diesem Zusammenhang, noch unbekannten Empfindung:

Jeglicher Gedanke an die Existenz der Kirschblüte, brachte ihm nur mehr Verzweiflung und stürzte ihn in tiefe Depressionen. Ja, die tiefe Schönheit der weißen, zart rosa bis violetten Blüten, die in den darauffolgenden Tagen allerorts zu sprießen begannen, bedrückte ihn nur umso mehr, zutiefst getränkt vom finsteren Gefühl in ihm, zum einsamen Beginn der Frühlingszeit. Vielen Japanern erging es wohl ähnlich, erzählte ihm seine Bekannte, die oft selbst, ebenso empfunden hatte und scheinbar viele Menschen kannte, die in dieser Zeit besonders darunter litten. Womöglich, weil die wundersame Lieblichkeit der Kirschblüte, die eigentlich entzücken sollte, oft in starkem Kontrast mit den eigenen, wahren, düsteren Empfindungen stand, so dachte er bei sich nach der Unterhaltung. Vielleicht war es auch mit dem sozialen Druck, der davon ausging verbunden, denn die Zeit der Kirschblüte, war in jedem Jahr, ein persönliches, wie gesellschaftliches Ereignis…
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Die Blütenschau, auf japanisch “Hanami” genannt, stand in einem jeden Frühling und das wohl schon seit Jahrhunderten, im Zentrum dieser Jahreszeit. Paare gingen zusammen in die berühmten Parks oder suchten Orte auf, an denen die Kirschblüte am schönsten war. Familien, Freunde, Bekannte, Arbeitskollegen – im Grunde jegliche Art von Gruppe, fanden sich stets unter den blütenbehangenen Bäumen für ein Zusammensein, in Form eines Picknicks, einer Feier oder Ähnlichem ein.
Im Jahr zuvor, in dem er sehr mit den Menschen verbunden war, hatte er einen ganzen Tag damit verbracht, zu drei verschiedenen Veranstaltungen zu gehen und die Parks waren jedes Mal mit Menschen jeden Alters, zu Tausenden, gefüllt.
Ein wenig erzählte diese Zeit also auch vom sozialen Status und erinnerte an die eigenen Beziehungen zu seinen Mitmenschen, der Familie, den Freunden und Arbeitskollegen.

Ihm schien der Druck um diese Zeit herum, im Nachhinein, so groß zu sein, dass es sogar geplante Veranstaltungen gab, von völlig Fremden organisiert, die sich unter einem bestimmten Thema zusammenfanden, nur um diese Zeit nicht allein verbringen zu müssen oder um eventuell zu sich selbst oder anderen, sagen zu können, dass man wenigstens auf einer Blütenschau war. Auch wenn es doch auch Leute gab, die jene Tage, scheinbar gleichgültig verstreichen ließen, sich gar nicht, um diese Jahreszeit scherten oder sogar niemals einem Hanami beigewohnt hatten, was ihm für Japaner als außergewöhnlich erschien, da er dachte, dies sei ein integraler Bestandteil der Kultur und des Lebens hier in diesem Land.

Aber, so rief er sich ins Gewissen, dies war auch nur ein persönlicher Gedanke… Wie vieles hier, waren die einfachsten Aspekte des Lebens, oft weitaus komplexer. Er ertappte sich auch dabei, diese Gedanken, als zynischen Unterton seiner eigenen Finsternis zu begreifen. Und die Gründe für seinen möglichen Frust (und vielleicht dem Anderer), mochten in völlig unterschiedlichen Aspekten liegen:

Einsamkeit, soziale Ausgrenzung (freiwillig oder ungewollt) und vielem anderen mehr. Seine Gedanken reichten nicht aus, um die Komplexität des Ganzen vollkommen zu durchleuchten und darum ging es ihm wohl auch nicht.

Die Tage und Wochen, während der Kirschblütenzeit, vergingen für ihn jedenfalls, ohne, dass er irgend einen Ort bewusst aufgesucht hatte. Und irgendwie schmerzte es ihn.

»Bin ich, meines Lebens hier, tatsächlich so müde?«, fragte er sich still.

Dann, gegen Ende der flüchtigen Blütentage, erinnerte er sich daran, dass eine wunderschöne Allee an einem Flüsschen, in der Nähe seiner Wohnortes, die von einer unglaublichen Vielzahl an verschiedenartigen Kirschbäumen gesäumt war, bald der Abholzung, aus irgendwelchen Gründen, zum Opfer fallen sollte.

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Jahr für Jahr, seit der Zeit seines Umzugs an diesen Ort, war es für ihn stets ein fester Anlaufpunkt zu dieser Jahreszeit gewesen.

Ob dies zu viel an Vergänglichkeit für ihn bedeutete? Das Vergehen der Blüten, das Ende dieses wunderbaren Ortes, vermischt mit den bitteren und düsteren Gedanken um sein eigenes Dasein…

Also machte er sich doch noch auf und wurde nicht enttäuscht!
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Die zauberhafte, so gefürchtete Kirschblüte, sich zart und lieblich in all ihrer Pracht und Vielzahl an Farben vor ihm entfaltend. Wenigstens für dieses Jahr hatte er sie dann doch noch wiedergefunden. Er schien sie wie ein kostbares Kleinod durch das Jahr zu tragen, um sich von Zeit zu Zeit daran zu erinnern und sich der wahren, flüchtigen, Schönheit der Vergänglichkeit des Lebens gewahr zu werden.
Und war es nicht Beweis genug, dass er sich nun, vor dem Beginn des gewiss einsameren Sommers, ein weiteres Mal daran erinnerte, auf das er in der Gewissheit der Blüte, frei von allem Kummer sein, seine Tage im Leben nutzen und hoffnungsvoll auf die vor ihm liegende Zeit blicken konnte?
Er wusste es nicht genau…
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Aber einer Sache schien er sich dann doch gewiss:
Das anzunehmen, was die Jahreszeiten, die für ihn symbolisch für das Leben selbst standen, mit sich brachten und an Gaben offenbarten. Der Sommer, mit seinen eigenen kostbaren Geschenken, stand bevor und er wollte diesen in vollen Zügen leben und in Freude genießen.
RR, im Frühling 2015…


© 2015 Bilder: R. Rehahn (Aufgenommen im Tokio, Honmonji Tempel & im Hikichigawa Park, Koza-Shibuya, Kanagawa PRÄFEKTUR / Japan)