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Gefallene, verdorrte Blüten im Frühling...

Die verworfenen Gaben

Vierter Teil einer noch unveröffentlichten Erzählung…

Er saß über dieses und jenes sinnierend im stillen Zimmer, als er zu sich selbst sagte:

»Du kannst singen, schreiben, komponieren, schöpfen und viele Dinge mehr! Und hast doch nichts oder so wenig daraus gemacht. Andere wären froh über eines dieser Talente, du hast sie alle irgendwie und bist doch nichts weiter geworden. Weder Komponist, noch Autor, geschweige denn Sänger. Anstatt mit dem zufrieden zu sein was du hast, hart zu arbeiten und etwas zu schaffen, wolltest du immer nur mehr und hast doch gar nichts erreicht. Nur Träume, unerreichbare Träume.«

Und so schwer es auch war sich dies eingestehen oder so leicht, diese Stimme einfach abzutun, so wie er es immer getan hatte, so wusste er doch, es stimmte und entsprach voll und ganz der Wahrheit. Und es war bitter und er fragte sich, was er jetzt noch tun konnte, um es besser zu machen.

Anstatt zu lernen, ein Schüler unter einem Meister zu sein, hatte er sich stets zu schnell zum Meister aufgeschwungen, seine grundlegenden Aufgaben nicht lösend, aber gleich zu den Meisterstücken übergehend. Oder hatte er seine Lehrstücke einfach zu Meisterstücken gemacht?

»Du bist eben was Du bist, beschwichtigte eine andere, innere Stimme, wohl eher „viele Stimmen“, und dies ist dein Weg.«

Und auch dies schien ihm irgendwie richtig.

Doch er schwor sich, die so zahlreich erhaltenen Gaben nicht verschleißen zu lassen, sondern bis ans Ende seiner Tage daran arbeiten, darum kämpfen, sie auf seine Weise zur Blüte zu bringen.

Vielleicht war er auch zu hart zu sich. 

Ja, es stimmte, er hätte hier und da einfach mehr tun und die so wichtigen Grundlagen lernen können, die ihm dann als fundiertes Werkzeug zur Seite gestanden, seine Fähigkeiten weiter voran gebracht und seine Kunst zur erhofften Blüte geführt. 

Aber er hatte doch gelernt, dachte er dann, langsam, auf dem Weg der Reise selbst, oft ohne Lehrmeister, nur blätternd lesend und womöglich zu einfache Pfade nehmend. Doch dies hatte ihn leiden lassen, fern von Ruhm und Einkommen, in die Schatten getrieben.

Worin lag der Sinn in allem, fragte er sich und fand keine Antwort, da er dies niederschrieb.

Sind die Gaben wirklich verworfen? 

Oder ist der Zweifel ein Teilstück dieses langen Weges?

RR, 30.06.2016


Über den Autor

R. Rehahn

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