"Mann am Fenster" - Illustration ©2010 Manuela Rehahn

Auf einer persönlichen Ebene

Vorwort zu einem eigenen Journal

Die ersten Zeilen, die ich bewusst festhielt, waren innige Empfindungen der Liebe, in den Seiten eines Tagebuches, also etwas sehr Persönliches. Ein Eintrag dem viele weitere folgten. Sobald ich jedoch begann, das Schreiben als etwas Kunstvolles zu verstehen, distanzierte ich mich zunehmend von der Wirklichkeit, meinem Umfeld, auch wenn es weiterhin sehr persönliche Dinge waren, mit denen ich mich in Liedtexten, Versen, Erzählungen und Theaterstücken mit Themen, Erlebnissen, Gedanken und Gefühlen auseinandersetzte.

Jeglicher Bezug auf die Zeit, das Umfeld, die Gesellschaft, Namen, Städte usw., blieben immer stärker außen vor und fanden keinen Raum mehr in meinen Texten, in denen ich eine stilisierte Entfremdung vollzog.

Auch wenn es in allen Texten natürlich stets meine eigene Stimme ist, die spricht, so bleibt doch wenig übrig von mir als Person, die sich in Aspekten der Gegenwart und Realität meines Lebens widerspiegelt. Fast so als wandle ich ohne Verbindung durch Zeit und Raum, enthoben, entfernt, abgetrennt; als würde die bloße Erwähnung meine Existent zurück ins einfache Hier und Jetzt holen, als wäre es eine Schwäche oder zu profan um davon zu erzählen. Aber natürlich prägen und beschäftigen mich viele Aspekte in der Kunst, Literatur, Musik, Gesellschaft, Politik, des alltäglichen Lebens um mich herum.

Manchmal fühle ich mich abgetrennt vom Leben, kaum existent, wie ein Schatten, obwohl ich in der Art meines Schreibens doch nur versucht habe, das einfache Dasein zu erhöhen, ja vielleicht von allem profanen zu befreien, da ich so sehr an die Schönheit der Lyrik, die Art des Feinen1, glaube, ähnlich wie es Novalis beschrieben hat oder in der stilisierten Form des japanischen Noh Theaters, welches ich über alle Theaterkunst schätze, seit Jahrhunderten umgesetzt wird.

Oft frage ich mich, wo ich stehe oder wann, wenn ich nicht in der Gegenwart ruhe, sondern zeit- und raumlos durch die heiligen Hallen der Kunst und Schöpfung wandle, wer bin ich als Mensch, worin bin ich verwurzelt.

Obwohl es bereits viele Seiten im Spurenkreis2 gibt, die meine Worte und Texte tragen, so existiert doch kein solch persönlicher Raum, in dem ich zurückkehren kann auf diese persönliche Ebene.

Es liegt mir nicht, mich selbst in den Werken anderer zu präsentieren oder etwas aufzubauen, auf dem was andere geschaffen haben. Mir ging es stets um Originalität, darum, etwas eigenes zu schaffen, darin sehe ich die wirkliche Aufgabe von Kunst!

Die Transformation, die Adaption in eine völlig neue Sache…

Besonders in der heutigen Zeit in der alles und jeder recycelt wird, die Grenzen zwischen eigener Idee, Inspiration, Diebstahl zunehmend verwischen, die Scham darüber was tatsächlich noch die Kreation ist, abhanden gekommen und die Menschen interessiert es auch scheinbar kaum noch. Wie auch immer…

Dennoch, bin ich natürlich beeinflusst von sehr vielen Aspekten, Werken und vor allem Menschen im Leben und Schaffen.

Und wo ließe sich diese eigene Stimme am ehesten festhalten und erklingen lassen, als auf der einzigen Seite, die ansatzweise meinen Namen trägt, auch so eine Sache, die ich eher widerspenstig vollzogen habe. Denn mein Dasein ist eine Schattenexistenz3

Allerdings bin ich nun einmal hier und dies geht einher mit vielen neuen Richtungen, die ich in jüngster Zeit in zahlreichen Texten eingeschlagen habe, die sich mehr noch als früher mit dem beschäftigen, was um mich herum geschieht oder einmal war. Vielleicht ein Zeichen des Alters, womöglich sinkt die Wirklichkeit doch langsam in mein Schaffen ein.

Dies ist also mein persönliches Journal, nicht entfremdet, sondern einfach nur die eigene Stimme, die von Leben, von der Arbeit, den Einflüssen und vielem mehr erzählt.

RR, 01.04.2017


  1. http://spurenkreis.de/texte/von-der-art-des-feinen/ ↩︎
  2. http://spurenkreis.de/seiten/ ↩︎
  3. Originaler Eintrag aus der ersten Fassung des Spurenjournals, im 5. Kapitel des 1. Bandes der Spureneditionen „Der Pfad in den Kreis“ nachzulesen: http://spurenkreis.de/editionen/der-pfad-in-den-kreis/ ↩︎
  4. Dieser Artikel stammt aus dem neuen Journal des Autors R. Rehahn und ist ebenfalls hier erschienen: http://spurenkreis.de/rrehahn/2017/06/12/eine-persoenliche-ebene/

    „Mann am Fenster“ – Illustration ©2010 Manuela Rehahn

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R. Rehahn

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