Flüchtige Blüte

Vorsichtig näherte er sich der sanft, rosafarbenen Blüte, darüber ungewiss, ob es jene Eine war, die in Augenschein zu nehmen, er sich Jahr für Jahr sehnte.
Vorsichtig näherte er sich der sanft, rosafarbenen Blüte, darüber ungewiss, ob es diese Eine war nach der er sich Jahr für Jahr sehnte.
»Japan war das Land der Blüten!«, dachte er still bei sich. Keine Jahreszeit schien zu vergehen, ohne dass die eine oder andere in Gesprächen oder anderweitig Erwähnung fand und sich auf diese Weise still ins Bewusstsein rückte.
Dies geschah nicht immer so überschwänglich und prächtig wie zur Kirschblüte, bei der ganze Straßen, Alleen, Flussufer, Parks und viele andere Orte, in einem Meer von Blüten erstrahlte und die Menschen, Einheimische, wie Besucher gleichermaßen, sich zur gemeinsamen Schau unter den unzähligen Bäumen versammelten.
Die Pflaumenblüte beispielsweise, zeigte sich, obwohl keinesfalls weniger lieblich und prachtvoll, ja fast in stiller Zurückhaltung und war deshalb weniger offensichtlich, ja vielleicht dadurch schwerer zu aufzufinden.
Wenigstens empfand er es in jedem Jahr auf diese Weise und nicht selten verstrich die kalte Jahreszeit ohne eine bewusste Wahrnehmung der dieser wundersamen Pflaumenblüte, die sich niemals aufzwang, ja eher auf einen Besuch wartete, als sich offenkundig und ohne Scheu zu präsentieren.
»Ja, sie forderte Aufmerksamkeit!«, kam es ihm in den Sinn, »nicht bettelnd oder flehend, eher stolz, sich ihrer tiefen, bezaubernden Schönheit bewusst, womöglich sogar flüchtig und scheu, empfand er nun.«
Um diese Jahreszeit allgegenwärtig, doch ähnlich vergänglich wie andere Blüten.
In den vergangenen Jahren hatte er sogar in der Nähe eines Ortes gelebt, welches den Namen der Frucht trug.
Und dennoch…
Für ihn bedeutete es jedes Mal einen tiefen, bitteren Stich ins Herz, wenn er die Pflaumenblüte nicht in vollem Bewusstsein gesehen hatte.
»Ach, wieder ein Jahr ohne sie vergangen.«, empfand er wehmütig, so als ob er eine innige Geliebte verpasst hätte.
Und vielleicht war es auch so:
Die fragilen, zarten Blütenblätter, die schüchterne, zurückhaltende, scheue Art, die sanften zarten Farben in denen sie sich zeigte, ein Ideal an tiefer, bezaubernder Schönheit, die Verkörperung eines lieblichen, wundersamen Wesens, aus einer traumhaften Feenwelt.
Da sie unbekannter als andere Blüten zu sein schien, selbst in Augenschein genommen, verwehrte sie sich der Bestimmung durch das laienhafte Auge.
Also zeigte sie nicht nur flüchtig, scheu und fordernd, sondern trachtete auch nach Kennerschaft und verweigerte sich den oberflächlichen Blicken.
»Welch‘ liebliches, selbstbewusstes Geschöpf!«
Er glaubte sie zu erkennen, fühlte dennoch leichte Zweifel darüber, ob sie es auch leibhaftig war.
Trotz allem fühlte er sich in diesem Jahr, seiner ersehnten Pflaumenblüte näher, hielt er ihre Gegenwart und Erscheinung, doch in mannigfaltiger Hinsicht fest:
In Worten, in Fotografien und mehr als zuvor sah er sie anderweitig wieder, so als bitte sie um Verzeihung für Ihre allzu spielerisch unschuldige Flüchtigkeit.
Und so empfand er sie nahe bei sich, in inniglicher Vertrautheit fast.
Die Empfindungen der flüchtigen Vergänglichkeit jedoch, vermochte er nicht zu verlieren… Zu selten war sie weiterhin, in bescheidener Zurückhaltung, seine Blicke, und die anderer, sehnsuchtsvoller Betrachter, erwartend…
»Sei geduldig mit mir, entzückende Pflaumenblüte. Ein weiteres Mal, möchte in sanften Augenschein, ich Dich nehmen, Deine Blütenblätter liebevoll berühren und die geheimnisvollen Orte Deiner Verstecke in Erinnerung behalten.«, sprach er zu den Blüten über sich, hielt sie innerlich fest und machte sich auf seinen Weg.
»Flüchtige Blüte, ich werde dich wiederfinden!«, flüsterte er noch, als sie sich im frostigen Februarwind, leise hin und her bewegte.
RR, 08.02. & 22.02.2018

Pflaumenbluete in Ikegami Honmonji / Tokio im Februar 2018…
 

R. Rehahn
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