Das Ringen um die Unschuld

Den Weg in die Welt nahm ich behütet und unschuldig, aber gewiss nicht frei von Schuld…

Meine Gedanken waren sicher nicht ohne Urteil, aber Geschlecht, Rasse, Nation, Herkunft, usw. gehörten nicht zu den Kriterien, mit denen ich das Leben, die Existenz, die Menschen um mich herum bemaß.

Alles schien denkbar, keinerlei Grenzen oder Hindernisse schienen mir unüberwindbar:

Die japanische Freundin, die sich Sorgen um rechtsradikale Tendenzen und Aufmärsche machte, versuchte ich damit zu beruhigen, dass diese Dinge niemals zwischen uns stehen sollten.

Menschen aus Europa, Afrika, Amerika, Asien und aller Herren Länder, nannte ich Freunde.

Die Unterschiede und das typische Gerede um die Unterschiede zwischen Mann und Frau, gehörten nicht zu meinem Gedanken‐Repertoire.

Für mich waren es alle Menschen, mit den gleichen Bedürfnissen und Sorgen.

Fremde Kulturen waren mir Faszination und Fernweh zugleich, jede Chance eines Kontaktes nahm ich voller Faszination wahr. Wissen um Geschichte, Religion, Philosophie, Kunst, praktische Lehren sog einem Schwamm gleich ich auf und riefen in mir eher Bereicherung als Befremdung hervor.

Alles schien offen und möglich!

Dann holte mich, langsam über viele Jahre, das Leben ein, andere Realitäten und Wahrheiten erweiterten und begrenzten die unschuldige, reine Seele.

Und in den letzten Jahren gab und gibt es Tendenzen, Versuchungen und Umstände, die mich leicht in gewisse düstere Zustände, Geisteswandlungen usw. hätten drängen können bzw. es stetig versuchen.

Das Ringen um die unschuldige Seele ist ein fortwährender Kampf!

Wie leicht kann es geschehen, dass man sich mit einem Mantel des Zynismus kleidet, Menschen als austauschbar sieht und im Grunde nur als den eigenen Zwecken dienlich sieht.

Die Wahrheit steckt natürlich irgendwo zwischen all diesen erwähnten Extremen und man darf auch nicht vergessen, dass der Mensch oft nach Schutzmechanismen sucht, um das leidende Herz mit einer Rüstung zu umkleiden, damit Verletzungen wieder heilen bzw. solchen gar nicht mehr Einlass geboten werden kann.

Wenn ich jedoch nach all diesen Jahren zwischen der Jugend und dem jetzigen Augenblick, die Welt um mich herum, immer noch mit einem unschuldigen, reinen, unverfälschten, klaren Blick zu betrachten vermag, wäre dies pures Glück — ein Seelenfragment, dass noch heil und kristallklar erhalten geblieben ist.

Trotz all der Leiden und Wunden — erhaltenen und selbst zugefügten, den unzähligen Erfahrungen, die einem das Gegenteil beweisen, ja geradezu eine andere, bittere Welt‐ & Menschensicht erzwingen zu wollen scheinen, noch mitfühlend, gerecht und liebend sein zu können, wäre ein Geschenk des Himmels!

Ob dies aufgrund der eigenen, auf mich geladenen Schuld, nicht zutiefst heuchlerisch ist? Natürlich, das ist es, zweifelsohne! Und dessen bin ich mir auch bewusst! Wie alle Menschen, wandle ich auf einem schmalen Grat die eigene Existenz, so gut es eben geht, zu meistern und mit den Dämonen, um die eigene Unschuld zu ringen.

Die Schwierigkeit in einer anderen Kultur zu leben, kommt sicher noch erschwerend dazu, denn jeglicher Maßstab, mit dem das Leben zu bemessen bzw. zu begreifen wäre, wird quasi ad absurdum geführt, es gelten andere Regeln.

Während einer hoffentlich langen Lebenszeit bringt man viele Dinge in die Existenz ein, erhält manches und verliert vieles. Die Unschuld aber sollte einem klaren Quell, einem reinen Lichte gleich, bei einem bleiben, bis zum letzten Atemzug.

Ich weiss, das Dasein ist komplexer und dies sind auch nur Gedanken, Empfindungen — da ich mich umringt sehe von vielerlei Richtungen im Leben, Gedanken, die beileibe nicht in der Lage sind, dieses schwierige Thema zu lösen, sonders es eher nur anreißen zu vermögen.

Aber den eigenen offenen Blick in diese Welt zu bewahren und vielleicht anderen zu helfen ihn nicht aus den Augen zu verlieren, ist mir ein essentielles, wichtiges Lebenselement.

Und dies ist für mich ein Teil der Osterbotschaft — der Sieg über die Dunkelheit und den Tod, durch Auferstehung und ewiges Leben in der reinen Seele…


Blick durch das Blattwerk eines Baumes am Rande der Stadt…

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