Die Kraft der Umkehr

am

Beinahe apathisch saß er vor der nächsten Aufgabe. Sie musste erledigt werden, wartete auf ihre Erfüllung und doch schob er sie bereits seit Monaten vor sich her.
Müdigkeit, ja fast Abscheu, überkam ihn beim Gedanken sich dieser Aufgabe stellen zu müssen. Gut, niemand zwang ihn dazu, es handelte sich dabei lediglich um den nächsten und logischen Schritt in seiner Arbeit im Verlag.
Bislang hatte er sich ’lediglich’ um die digitalen Ausgaben seiner Bücher gekümmert, was einen ebenso schwierigen Prozess darstellte und viel Zeit in Anspruch genommen hatte!
Kürzlich hatte er in einem Artikel gelesen, dass die digitale Publikation einen Wandel im Verlagswesen, einen Umschwung für viele Autoren selbst, darstellte.
Durch die Möglichkeit, digitale Bücher auch nach ihrer Publikation noch zu korrigieren, würden oft unfertige Texte zur Veröffentlichung gebracht, während dies bei einer Druckausgabe in einer hohen Auflage, natürlich nicht so einfach machbar war und wenn dann erst in einer der nächsten Auflagen. Im elektronischen Zeitalter würde die Veröffentlichung beschleunigt und weniger Augenmerk auf die Qualität gelegt werden, hieß es, aber irgendwie konnte er das nicht glauben.
Eine Verallgemeinerung war sicher nicht möglich, schien er sich gewiss.
Es würde Autoren geben, die eine Veröffentlichung überstürzten, aber er zählte sich selbst nicht dazu, denn selbst bei den einfachsten Texten, legte er die größtmögliche Sorgfalt an den Tag und je länger die Geschichten wurden, umso intensiver war die Vorbereitungszeit bis zur Veröffentlichung eines Buches.
Andererseits, stimmte es schon! Die Möglichkeit eines gedruckten Buches, die Aussicht darauf, die eigenen Worte auf Papier gebracht zu sehen, war beängstigend und vielleicht aus diesem Grund so bedeutsam.
Weshalb er die Sorgfalt und Hingabe bei der Erstellung eines Buches, umso ernster betrachtete und genau aus diesem Grund hatte er vor diesem Schritt, dieser, für den weiteren Weg so essentiellen, Aufgabe, so unglaublich viel Angst!
Auch wenn durch neue Wege für gedruckte Bücher, ein Stück, der durch die von der Auflage bestimmten Endgültigkeit einer Buchpublikation, sicher abgemildert war, weil es natürlich einen großen Unterschied darstellte, bei Bedarf zu drucken, anstatt in einer höheren Auflage, hatte ein Buch doch etwas endgültiges, weniger fließendes, als eine digitale Publikation.
Ein Bild jedoch blieb unverändert und lebendig vor seinem geistigen Auge:
In Stein gemeißelte Worte!
Und so schienen die Empfindungen in ihm, was diese neue Richtung auf seinem Weg anbelangte, verständlich. Es war ein Dilemma!
Die Arbeit an den Druckausgaben lag einige Zeit zurück und irgendwie konnte er seinen eigenen Arbeitsschritten und Ergebnissen nicht länger folgen. Die Daten waren chaotisch, erschienen ihm ungeordnet und machten wenig Sinn. Auf dieser Grundlage konnte er einfach nicht aufbauen und weiterarbeiten. Und auf diese Weise schleppte er sich von Versuch zu Versuch, Herr über diese Arbeit zu werden, ohne Erfolg bisher!
Doch dann erinnerte er sich an eine Vorgehensweise, die er schon früher angewandt hatte. Es war in der Nacht und eigentlich befand er sich bereits auf halbem Wege zur Nachtruhe.
Also nahm er einen Notizblock hervor, der auf seinem Schreibtisch lag und notierte sich, wie er es so oft tat, wenn ihm nach Arbeitsschluss noch einmal etwas einfiel, einige Gedanken für den nächsten Tag:
»Kehre um und beginne mit dieser Aufgabe noch einmal ganz von Neuem!«
Und diese Gedanken machten ihm Mut und Hoffnung.
Als er sich am nächsten Tag erneut an seinen Schreibtisch setzte, das Gute, an bereits vorhandenem Material, in eine ganz neue Richtung für ein gedrucktes Buch steckte, ging es ihm plötzlich völlig unkompliziert und locker von der Hand.
Und in einigen Stunden hatte er die Manuskripte mehrerer Bücher für den Druck vorbereitet!
Bis zum ersten Ansichtsexemplar würden noch einige Woche vergehen, aber in der Umkehr hatte er dem nächsten Schritt seine Schwere genommen, im Neuanfang Kraft gefunden, auf diesem schwierigen Weg voran zu schreiten.