Verlorener Gedanke — gewonnene Worte

Tagaus, tagein — schweben Ideen und Gedanken durch die Sinne, Emotionen berühren das Herz und der Ereignisse im Leben sind es viele! Sie alle trachten nach Aufmerksamkeit — nicht allein um niedergeschrieben, nein, oft auch um einfach nur um der Erinnerung wegen.

Es ist notwendig zu schreiben, wenn die Tage nicht ohne Sinn verstreichen sollen. Wie soll man sonst das Netz über den Schmetterling des Augenblicks streifen? Denn wenn der Augenblick vergeht, ist er auch vergessen; die Stimmung ist dahin; das Leben selbst ist dahin. Hier punktet der Autor über seine Mitmenschen: er fängt den Wandel seines Geistes ein.” — Frei übersetzt nach Vita Sackville‐West

Die Autorin beschreibt wunderbar, wie ich es empfinde und gewiss, spiegelt dies auch die Gefühle vieler anderer schreibender oder nicht schreibender Menschen wieder, egal aus welchem Grund man nun etwas verfasst, ob aus Berufung oder um sich etwas von der Seele zu schreiben.

An dieser Stelle sollte eigentlich ein völlig anderer Eintrag erscheinen, ein für mich bedeutsamer, das ist gewiss, allerdings war der Gedanke um diesen Eintrag, ebenso flüchtig, wie kostbar und ging in der Eile des Alltags verloren. Welch’ guter Anlass, um über das Festhalten an sich zu sinnieren und die Bedeutsamkeit der Muße, um auch wirklich inne zu halten und solche Augenblicke nicht einfach verstreichen zu lassen.

Dies ist eine Zeit, in der wir unsere Leben in irgend einer Weise festhalten möchten, ob in Journalen — öffentlich oder privat, durch Photographie oder auf verschiedenen anderen Wegen. Die Werkzeuge liegen ja für alle bereit, leicht zu bedienen, immer greif‐ und abrufbar. Vom Stift und dem Tagebuch, der App oder eigenen Webseite, den sozialen Netzwerken usw.

Stets geht es darum den flüchtigen Augenblick festzuhalten, damit er nicht ohne weiteres verstreicht. Aber natürlich ist es auch wichtig die Momente tatsächlich, ungefiltert, beobachtend, mitten drin, am eigenen Leib, mit den eigenen Gefühlen zu erleben. Und hier hat das Schreiben vielleicht einen Vorteil, weil Gedanken und Emotionen auch noch später wieder abrufbar sind, während man im Moment des Erlebens einfach nur da sein und zuschauen kann.

Zudem regen sie die Phantasie des Lesers oder gar die eigene Gedankenwelt an, weil es nichts konkretes gibt, sondern eher ein Umschreiben des Geschehenen. Oft fühlt man sich auch in eine bestimmte Zeit zurückversetzt oder einen Aspekt seiner Seele oder Fragmente des Geistes konserviert wieder zu entdecken.

So sehr ich die visuellen Netze liebe und bewundere, so hat das geschriebene Wort doch einen ganz besonderen Reiz und eine völlig eigene Qualität.

Schreibe ich (und denke dabei, hoffentlich die Arbeit der visuellen Meister, wie Maler und Photographen nicht schmälern zu wollen — eine seltsame Zeit, da man scheinbar immer alle Menschen korrekt und objektiv beschreiben muss, bis man sich in unzähligen Erklärungen und Entschuldigungen verliert.)

Das Wunderbare des Schreibens jedoch, ist, neben vielen anderen Dingen, auch die Tatsache, dass es ein festhaltendes Meditieren ist, welches mit einem Gedanken beginnt, sei es auch ein verlorener, und zu etwas völlig Neuem, Reichhaltigem führen kann. Denn der Geist wandert, sinniert, sucht während des Schreibens nach Lösungen, neuen Möglichkeiten — welche dem Text am Ende etwas wunderbares zu vermögen.

Darum ist es so wichtig zu die Feder zur Hand zu nehmen (oder anderen Werkzeugen) und einfach drauflos zu schreiben!

Versuchen Sie es, wenn die so flüchtigen Augenblicke des Lebens nicht verstreichen sollen und die bewusste Handlung des Schreibens zu einer Bereicherung des Geistes, der Empfindungen und am Ende der kostbaren Seele selbst werden können…

RR, 18.03.2015

Nachtrag

Dies ist vielleicht der Auftakt einer neuen Reihe im Journal, die Zitate aufgreift und ihnen eine hoffentlich neue, interessante Richtung gibt.

Schauen wir was daraus wird!


Abgeblühter Löwenzahn auf einer Wiese…

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