Wie ein Stein in stillem Wasser

Den Tag allein in Gedanken verbracht, fern der Menschen, doch sie immer bedenkend und betrachtend…

Am Morgen lange geschlafen, um den Tag allein nicht zu lange werden zu lassen. Dann ruhig erwacht, wie jeden Tag gefrühstückt und dabei gelesen, während der Zubereitung dafür das Wasser des Hausaltars gewechselt, danach langsam die Werkzeuge für die Arbeit bereitgestellt und in Gedanken ein wenig Einsicht & Klarheit erhalten.

Irgendwann zum täglichen Gebet vor den Hausaltars Platz genommen; gesungen, meditiert, geatmet, Stille gehalten.

Dann weiter mit der Arbeit…

Diese erneut durch körperliche Ertüchtigung und der anschließenden Reinigung pausiert. Neue Kleidung angelegt und weiter mit der Arbeit.

Zwischendurch ein paar Nachrichten, kleine Zeichen der Außenwelt…

Bis zum frühen Abend in diese oder jene Aufgabe, Überlegungen und Gedanken vertieft — still, in mich gekehrt, einsam und doch ruhig.

Das Abendessen läutet eine weitere Ruhephase ein…

Und wieder zurück an die Arbeit, die ohne große Mühe von Statten geht, es liegt nichts Dringendes an heute und eine erwartete Antwort erreicht mich nicht.

Zwischen alledem Selbstgespräche, Phantasien über Ereignisse und Menschen, die nicht eintreffen bzw. länger Teil meines Daseins sind.

Pläne über Kreationen, die oft ins Nichts verlaufen…

Und immer mal eine Nachricht, die davon zeugt, dass man meine Existenz noch nicht ganz vergessen hat.

Dann die Bitte der Teilnahme an einer Sache, die ich schon lange abgeschlossen, bewusst beendet habe. Eine Angelegenheit der Arbeit drängt dann doch und so rufe selbst ich nach Draußen, erreiche niemanden, versuche es woanders, werde unterbrochen und spüre wie die Ruhe dahinschwindet.

Ein Gespräch wird zum Stein in der Stille des Wassers, welches sich doch den ganzen Tag hindurch ruhig und ungestört in sanften Wellen bewegte, da der Gegenüber nicht seiner selbst scheint. Oder bin ich es der die Fassung verloren hat, unruhig über den wirklichen, realen Kontakt mit den Menschen da draußen?

Die Stille des Wassers ist eine trügerische, da unter der sanften Oberfläche, ein kurzatmiges, aufbrausendes Ungetüm seine bedrohlichen Kreise zieht, nur darauf wartet hoch zu springen und seine Beute in die Tiefe zu ziehen.

Fiele kein Stein ins Wasser, so würde es innerlich immer aufbrausender werden, die tiefe Rage, mit jedem Atemzug und Augenblick, von sich selbst aus, allein, zunehmen.

Still ist das Wasser meines Daseins, doch in mir wächst die Dunkelheit, fühlt sich verängstigt und bedroht von allem was dort draußen existiert. Sich mehr und mehr danach verzehrend, voller Sehnsucht, doch mit wachsendem Haß auf alles und jeden. Und mich ausgeschlossen, abgestoßen und verlassen fühlend. Aber mich immer weiter an den Abgrund des Lebens bewegend, aus allem heraus‐ und von jedem fernhaltend.

Eine bittere, traurige Existenz, ohne Lichtblick…

Die steinernen Wände zu durchbrechen, vermag man jedoch nur allein, die Zeichen kann man nur selbst deuten und annehmen.

Das Wasser kann still sein, doch das Wesen darunter sollte auch spielen, springen, herumtollen und Luft zu sich nehmen, denn im stillen Wasser erstickt es zunehmend, da es kein Leben darüber vermutet, bis sein Schnappen nach Luft wie ein Toben wirkt, obwohl es sich dabei oder vielmehr dann und wann, doch nur um ein ausgehungertes, beinahe ersticktes Ächzen handelt. Sich selbst als Opfer sehend, obwohl es doch gleichzeitig auch Täter ist.

Eine trügerische Stille, bevor der Stein ins Wasser fällt…

Und der Tag endet mit dieser Erkenntnis, die aus der Stille erst genährt werden konnte und niedergeschrieben, zum Zeugnis seiner Existenz wird.

Die Furcht vor der Welt da draußen und den Menschen sitzt tief…

Es braucht die Stille, um aus der Stille hervorzutauchen und sie zu besiegen, in dem man die Freuden des Lebens und Zusammenseins, die Zeichen von Liebe, Güte und Freundschaft, von Möglichkeiten und Herausforderungen erkennen und nutzen kann.

Das Leben über dem Wasser darf nicht bedrohlich sein!

Das Wesen darf den Blick nicht nur auf die Dunkelheit der tieferen Gewässer unter sich gerichtet haben, sondern auch auf das einfallende Sonnenlicht, welches die sanften Wellen über sich in hellem Scheine erstrahlen lässt. Diese beobachtend und auf das Gute hoffend, vermag es vielleicht die Schönheit des Lebens zu erkennen und gestärkt und in vollem Bewusstsein aufzutauchen.

Den Stein in der Stille des Wassers aufzufangen und zurückzuwerfen, weiterzutragen oder mit sich zu führen, zu erkennen, dass es kein Stein war, sondern ein mannigfaltiges Kleinod, kostbar und schön, interessant und wandelbar, in ungeahnten, unzähligen Farben, Tönen und Schattierungen.

So schließe ich den Tag, zur Ruhe kommend, kehrt erneut die Stille ein…

»Lasse den Blick jedoch nach oben gerichtet, dort wo die Sonnenstrahlen auf die sanften, stillen Wellen treffen und sich vielfältig auf wundersame Weise bricht.«, spricht eine Stimme in mir, diese Erkenntnisse zurück in die Erinnerung rufend und fügt hinzu:
»Fange auf was ins Wasser fällt und spiele damit in Unschuld, ohne Angst und Vorurteile. Denn in der Stille des Wassers, kannst du doch erkennen, was dir entgegen kommt, es meiden, wenn es dir schaden könnte, oder in Empfang nehmen, wenn es ein Geschenk der Menschen, des Lebens, Geistes oder des Himmels ist.«

So bette ich mich zur Ruhe in der Nacht und hoffe darauf in dieser Stille zu erwachen, im Morgengrauen…

RR, 23.01.2016 & 22.02.2017

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