Vollendung – Im Gespräch mit der Lektorin und neue Richtungen

Reaktionen der Lektorin…

Nach einer ganzen Zeit der Stille, was die Arbeit an diesem Werk angeht, habe ich meine Vorbereitungen (siehe Eintrag zuvor) abgeschlossen und das Manuskript meiner Lektorin zum Lesen gegeben.
Mit einer schon erwarteten Reaktion, die ähnlich wie die vorherigen Male ausfiel, in denen es nur um die Vorstellung des Manuskripts ging, wobei ich hier auf unsere persönliche Natur der Beziehung hinweisen muss, die sie jeden meiner Texte ohne jegliche Distanz, sondern aus rein familiärer Sichtweise, wahrnehmen lässt. Ob es sich nun um Fiktion, Autobiographie etc. handelt. Besonders wenn der Text, wie eben der Vorliegende, so von deutlicher, autobiographischer Natur ist.
Diese Antwort möchte ich hier, in Auszügen, erscheinen lassen:

»Ich kam nur bis Seite vier, ich kann nicht weiterlesen, der Text bereitet mir körperliche Schmerzen, es tut mir leid, weil ich da ständig Dich sehe, über den Du schreibst… Es macht mir Angst, und ich werde Kurzatmig. Hänge Dich doch nicht mehr an diese vergangenen Texte…«

Der Dialog um den Text setzte sich dann, mit meiner Antwort fort:

»Schade, dass du das nicht lesen kannst. Werde mich dann allein drum kümmern müssen. Denke, du siehst das ein wenig zu übersteigert, denn es ist einfach nur eine stilisierte szenisch-prosaische kurze Geschichte – Fiktion mit biographischem Hintergrund. Die vergangenen Texte sind nun mal fast fertig und Teil meines Schaffens.«

Auf das auch prompt eine Antwort folgte:

»Das ist schon klar, dass es „fertig“ ist, nur muß man jede Arbeit aus der Vergangenheit ins Hier und Heute holen, wie wär’s mit heutigen Dingen, vor allem weil da ja keine Notwenigkeit besteht, eher im Gegenteil es schlägt so rein und es wäre so viel zu ändern und das ständig bei so einem harten Text. Da Du das aber unbedingt machen möchtest, sehe ich wie wichtig Dir dieser Text ist und das macht mir Angst. Ausserdem habe ich in hier gerade aktuell so einen Fall erlebt, der Bruder von J.’s Freund, ein Künstler, hat sich das Leben genommen. Vielleicht kennst Du ihn er hat viele Stücke für die Puppenbühne gemacht, er heißt J. und er kannte Dich. Keine verdammte Kunst ist es wert so etwas zu tun, nichts rechtfertigt das… Und Dein Text schlägt da doppelt rein.«

Und dies fügte ich anschließend heute an:

»Wer ist dieser J.? Das ist natürlich traurig und tragisch. Ich weiß nicht genau wen du meinst, vielleicht hast du mir mal von ihm erzählt. Mein Text aber geht eigentlich in eine andere Richtung, genau ins Gegenteil – weshalb alles gelesen werden müsste, bevor man bereits resigniert. Ich bewerbe ja nicht den Akt, sondern eher was dazu führen könnte. Verstehe das Gefühl so wie es wie vielleicht jeder Künstler oder Mensch schon mal erlebt hat. Deswegen nenne ich es ja ‚fixe Idee‘und ‚Irrpfad‘ des Protagonisten. Auch ist es in der Geschichte nur die Überlegung, es kommt ja in Worten gar nicht dazu! Vielleicht könnte man dies noch als stärkeren Schwerpunkt legen.
»Die Titelfigur ist traurig und verzweifelt. Lädt all seine Lieben zur letzten Aufführung ein. Sieht eine Art Vision, denke soweit hast du nicht gelesen, von dem was er eigentlich will, von dem was im Leben noch kommen könnte (Kind, Frau etc.) – es kommt zur Aufführung, er bekundet seine Traurigkeit. Und am Ende kommt es nur zur Darbietung seiner Kunst – mehr nicht. Weder nimmt er sich öffentlich das Leben, noch kommt er zuschanden. Aber die Welt (bzw. seine Leute) verstehen ihn nun. Und das mir an der Geschichte bzw. dem Stück gelegen ist, liegt nicht am Selbstmordwunsch, sondern weil ich die Idee ästhetisch interessant finde. Warum muss ich das ins Hier und Heute holen – wer sagt, dass man das machen muss. Wenn ich was im Hier und Heute haben will, schreibe ich was Neues. Doch hier ist ein Teil meiner Gedanken und Seele eingefroren. Im Grunde ist es ein ähnlicher Schluss wie in „Am Ende eines Tages“, nur Kunstspezifischer. Aber es ist okay. Ich verstehe, dass Dir das zu nahe geht und kümmere mich selbst drum.«

Es scheint also im Moment ein wenig ungewiss, wie es mit der Arbeit an der Geschichte weitergeht. Die Arbeit daran zeigt sowohl gewisse Grenzen der Zusammenarbeit auf, weil die Beziehung natürlich sehr persönlich ist und Texte nicht einfach nur Texte sind, sondern immer im Blick auf mich als Autor & Mensch gelesen werden, weist aber auch auf die Notwendigkeit einer Erweiterung des Lektoren-Kreises hin.
Dem muss ich mich nun annehmen…
RR, 28.08.2016

Neue Richtungen …

Wie so oft, wenn eine Kritik wie die von oben bis ins Mark geht, verbleibt die jeweilige Arbeit und beginnt zu ruhen … Seltsamerweise führt dies aber manchmal zu einer Weiterentwicklung, wie es nun womöglich im Falle dieses Textes geschehen könnte.

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